»… und so den Raum betrat, auf 47stem Breitengrad …«

3 - Tandon Nita - Fundstück Fleischwolf Standardwerek
Tandon Nita – Fundstück Fleischwolf
2 - Schnaider Rainer - Deerhunter. triptychon. Fotoplot auf Alu
Schneider Rainer – Deerhunger, triptychon

VOM FUNDSTÜCK ZUM KUNSTSTÜCK

11. Juni – 23. Juli 2017

Eröffnung Sonntag, 11. Juni, 11 h

Es spricht Kurator Karlheinz Pichler

Es spielt >SeeQ< Thomas Heel und Patrick Haumer

Künstlerinnen:

Adalbert Fässler
Alois Galehr
Marcus Gossolt
Al Hanson (USA, † 1995)
Ra’anan Harlap
Wolfgang Herburger
Nadine Hirschauer
Sigrid Hutter
Sonja Lixl
Hubert Matt
Herbert Meusburger
May-Britt Nyberg  Chromy
Oswald Oberhuber
Rainer Schneider
Nita Tandon
Erwin Wurm

 

Gegenstände, Objekte, Formen und Strukturen aus dem alltäglichen Umfeld, der Industrie oder der Natur bilden den Ausgangspunkt der von Karlheinz Pichler kuratierten Ausstellung „ … und so den Raum betrat, auf 47stem Breitengrad …“ in der Artenne Nenzing. Anhand von 16 Positionen wird aufgezeigt, wie Gefundenes und Gewöhnliches durch künstlerische Eingriffe und Erfindungsgabe aus seiner ursprünglichen Bedeutung herausgelöst und in die Ebene der Kunst transformiert wird.
Die Gruppenschau knüpft an die letztjährige Ausstellung „Stöbern und Stolpern“ an, die sich mit Dachböden und anderen Erinnerungsräumen beschäftigt hat. Setzten sich die KünstlerInnen im vergangenen Jahr mit Dachböden, Archiven oder Bibliotheken, die ja als räumliche Erinnerungsmetaphern gelten, auseinander, um die in einer Art Zwischenzustand befindlichen Dinge aus der Vergessenheit zu erlösen, folgt in diesem Jahr die Erweiterung der „Trouvaille“ und deren Bearbeitung auf das allgemeine private und öffentliche Umfeld.

In der Kunst ist ein Bild nie nur Bild und ein Wort nie nur Wort, sondern stets redendes Bild und bedeutendes Wort, auch wenn es nichtssagend ist und unverständlich. In der Kunst gibt es nichts, was nichts repräsentiert, nicht einmal Duchamps oder Cages Gesten oder Becketts Texte ohne Worte, die noch die Absicht repräsentieren, mit dem Repräsentieren Schluss zu machen. Sperrmüll und Graffiti etwa haben längst ihren Platz in der Alltagsästhetik, – es kommt aber darauf an, zu zeigen, was sie repräsentieren, statt sie als Fundsachen wie Originale auszustellen.

Der Ausstellungstitel „ … und so den Raum betrat, auf 47sten Breitengrad…“ ist zweifellos kryptisch gewählt. Gleichwohl ist er aber erzählend. Er meint, dass eine Form, eine Struktur, ein Objekt gefunden wird, dann durch künstlerische Eingriffe zu einem Kunstwerk transformiert wird und als solches nun den Kunstraum betritt und sich dort repräsentiert. Und dieser Kunstraum, eben die Artenne, liegt auf dem 47. Breitengrad (genau genommen liegt Nenzing auf 47 Grad und 11 Minuten nördlicher Breite. Assoziationen zum Parfüm 47 11 entstehen rein zufällig).

 

In der Ausstellung in der Artenne mit dabei ist beispielsweise die aus dem indischen Ajmer stammende und heute in Wien lebende Künstlerin Nita Tandon (*1959). Sie zeigt sieben Objekte ihrer Werkserie „Automats“. Dabei handelt es sich um Betonabgüsse von

Autofussmatten, also jenen Gummiunterlagen, die wir während des Sitzens und Fahrens im Auto kaum zu Gesicht bekommen. Die Abgüsse sind die Negative dieser Matten. Alle Eindrücke einer Oberfläche, die wir sonst nicht erfühlen, spiegeln sich negativ im Betonabguss. Wie zumeist in ihrem Schaffen, geht es Tandon auch bei diesen „Automats“ um die Umkehrung von Ebenen, um den Aspektwechsel, das Erschaffen von Dingen, die zwei Sichtweisen erlauben. Die Künstlerin lenkt den Blick nicht auf Themen oder Inhalte, sondern auf den Blick selbst, auf unsere Wahrnehmung.

Hubert Matt wiederum zeigt eine Installation, die aus zwei abgesägten Stühlen besteht, die er vor der Entsorgung gerettet hat. Weiters gehören Schablonen für Tisch- und Stuhlbeine aus der Werkstätte seines Vaters dazu. Diese erinnern an die drei „Musterfäden“ von Marcel Duchamp. Kleine Beine (für kleine Tische oder Schränke), die so ausschauen, als wären sie von vorhandenen Möbelstücken abgesägt, also auch “gerettet”, stammen ebenfalls vom Vater (als Sammler). Matt platziert die Stühle rechts und links eines Tisches (Beine auch aus dem Bestand der Werkstätte). Der Tisch wird gemäss den gekürzten Stühlen auch gekürzt. Alles schaut dann so aus, als wäre es versunken (in die Erinnerung vielleicht), als hätten sie ihren Boden gleichsam im unteren Raum. Auf dem Tisch selbst befinden sich Schablonen, Fotos und Notizen.

Sonja Lixl, 1961 in Hallein (Salzburg) geboren, geht für ihre Werkserie von einem alten, 60 cm hohen tibetanischen Druckstock aus. Die Künstlerin, die heute in Reichenau an der Rax (NÖ) lebt und arbeitet, hat mit diesem Druckstock früher mehrere Serien ganz spezieller Gebetsfahnen hergestellt. An diese Werke knüpfen die Exponate an, die sie in Nenzing zeigt. Unter dem Titel „Windpferd 1-8“ wartet sie mit acht Holzdrucken auf handgeschöpftem Papier auf. 

Von Alois Galehr ist eine Leuchtskulptur zu sehen, die aus Leuchtbuchstaben besteht, die er vor Jahren einmal in Vaduz gefunden hat. Der Steinbildhauer Herbert Meusburger, den man hauptsächlich wegen seiner Granitskulpturen kennt, die an architektonische Gebilde erinnern, ist unter anderem mit einer Arbeit aus Muschelkalk vertreten, die formal an eine Wärmeflasche erinnert. Erwin Wurm hat zwei alte Verputz-Kardätschen zu einem stilisierten Kopf zusammengenagelt und mit Acrylfarben bemalt. Der Harder Künstler Rainer Schneider spielt bei seiner Deerhunter-Fotoserie unter anderem mit der Wahrnehmung. Bei den Aufnahmen von Schleich-Spielzeugfiguren dominiert die Unschärfe. Es ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, sind die Tiere echt oder nicht. Wolfgang Herburger richtet eine Installation ein, deren Ausgangspunkt eine analoge Zug-Abfahrts- und Ankunftstafel darstellt, während Nadine Hirschauer Abdrücke von ephemeren Pflanzen, die sie im Gemeindegebiet von Nenzing gefunden hat, herbariumsartig in einer Vitrine präsentiert.

 

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